Römische Wirtschaft auf Umwegen

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Die römischen Händler nahmen weite Umwege in Kauf um so preiswert wie möglich liefern zu können. Der billigste Weg war das Ziel. Die größte archäologische Forschungsdatenbank der Welt mit mehr als 200.000 namengestempelten Gefäßen von mehr als 3.500 Fundorten ermöglicht den Forschern am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Kooperation mit dem i3mainz, der Universität von Reading und der Universität von Leeds völlig neue Einblicke in die römische Wirtschaftsgeschichte [1].

Damals wie Heute galt, dass der gerade Weg nicht immer der beste ist. So wurden Amphoren aus Südspanien möglichst über das Meer und entlang der Flüsse transportiert, was zu Umwege von bis zu 1000 Kilometern führen konnte. Hauptsache günstiger als der teure Landtransport.

Baetia-Köln

Auch das römische Luxusgeschirr, Terra Sigillata genannt, kam von Südfrankreich aus über manchen Umweg nach Süddeutschland. So wurde z.B. für die Archäologen überraschend der längere Route über die Neckar benutzt, was nicht nur der günstigste Weg war, sondern auch zu auffällig vielen Funden entlang dieser Strecke führte.

Banassac-Carnuntum

Die Forscher am Römisch-Germanisches Zentralmuseum rekonstruieren diese Handelswege mittels softwarebasierter Kartierung des europaweit verstreuten Fundmaterials. Die althergebrachten Angaben zu Transportkosten, die vorwiegend aus den spätantiken Preislisten von Kaiser Diokletian stammen, können mit dieser riesigen Materialsammlung jetzt erstmals ernsthaft überprüft und korrigiert werden. Die Angaben in der antiken Literatur über die Transportkosten über Meer (Faktor 1), Fluss (Faktor 5) und Land (schwankend zwischen Faktor 8 und Faktor 68) sind sehr variabel
[2]. Daraus ist unschwer zu erkennen, dass vor allem die Transportkosten über Land sehr unterschiedlich beurteilt wurden.

Im Unterschied zu gängigen GIS-Verfahren wird in diesem Projekt nicht vom Landschaftsrelief, sondern vom bekannten römischen Straßennetz ausgegangen[3]. Eine Einfärbung der Karten von Grün bis Rot gibt, ausgehend vom jeweiligen Produktionszentrum, die Zunahme der Transportkosten wieder, je weiter man sich vom Herstellungszentrum entfernt. So stellte sich heraus, dass die Preise für Terra Sigillata im von den Römern nicht eroberten freien Barbaricum enorm hoch gewesen sein mussten. Dies passt zu der Tatsache, dass dort in der Regel nur Einzelstücke gefunden wurden. Diese Gefässe waren somit ein hohes Statussymbol. In etwa wie ein IPhone in Siberien heute.

Lezoux-Wymyslowo

Die hier präsentierten Karten gehen zunächst von den in der Literatur vorgeschlagenen mittleren Kostenfaktoren 1:5:28 für Meer, Fluß und Land aus. Dieses Zahlenverhältnis scheint aber die Verbreitungsbilder der Sigillaten nur grob zu erklären. Bei näherer Betrachtung sind bei diesen Kostenverhältnissen einige Verbreitungsmuster der Amphoren wenig plausibel.

Baetica-Mainz

Das Ziel des Forschungsprojektes ist daher, die antiken Transportkosten so zu rekonstruieren, dass sie mit der tatsächlichen damaligen Verbreitung von sowohl Amphoren als auch Sigillaten übereinstimmen.

Allard Mees FSA
Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Ernst-Ludwig-Platz 2
55116 Mainz
mees@rgzm.de


 



[1] B.R. Hartley, B.M. Dickinson (with G.B. Dannell, M.G. Fulford, A.W. Mees, P.A. Tyers), Names on Terra Sigillata. An Index of Makers' Stamps and Signatures on Gallo-Roman Terra Sigillata (Samian Ware). Volume 1 (A to Axo). Bulletin of the Institute of Classical Studies Supplement 102,01-05 (London 2008).

[2] R. Duncan-Jones, The Economy of the Roman Empire. >Quantitative Studies (Cambridge 1974), 368; J. Kunow, Negotiator et Vectura. Händler und Transport im freien Germanien. Kleine Schriften aus dem Vorgeschichtlichen Seminar Marburg 6, 1980, 1-37; K. Green, The Archaeology of the Roman Economy (Berkeley 1986), 40.

[3] I. Herzog, Theory and Practice of Cost Functions. In: J. Melero, P. Cano, J. Revelles (ed.), Fusion of Cultures. Abstracts of the XXXVIII Conference on Computer Applications and Quantitative Methods in Archaeology, Granada, Spain , April 6-9, 2010 (Granada 2010) 431-434.